Wer war Frau Dr. Johanna Budwig?

Als Johanna Budwig am 30. September 1908 als Tochter von Elisabeth und Hermann Budwig das Licht der Welt erblickt, geht ein turbulentes Jahr dem Ende entgegen. Noch ahnt niemand im Hause Budwig in Essen an der Ruhr, wie wichtig dieses Jahr für die spätere Entwicklung ihrer Tochter Johanna werden soll. Doch genau in diese Zeit fällt eine wichtige politische Entscheidung: Als letzter Bundesstaat hat Preußen seinen Widerstand gegen das Frauenstudium aufgegeben. Mit Beginn des Wintersemesters 1908/09 sind Frauen auch in Preußen und damit erstmals im gesamten Deutschen Reich zum regulären Studium zugelassen. Zudem tritt das am 8. April vom Reichstag beschlossene Vereinsgesetz in Kraft. Es erlaubt Frauen erstmals die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Vereinen.

Doch obwohl die Gesellschaft sich langsam zu liberalisieren beginnt, üben im alltäglichen Leben der meisten Menschen die alten Werte und Normvorstellungen noch eine enorme Wirkkraft aus. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Frauen haben als Hauptaufgabe die Familie und die Erziehung der Kinder, während der Mann für das wirtschaftliche Auskommen zu sorgen hat.

Doch genau für dieses wirtschaftliche Auskommen kann Johannas Vater - ein einfacher, hart arbeitender Motorenwärter (heute würde man Mechaniker sagen) - nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1920 nicht mehr sorgen. Er gibt Johanna in staatliche Hände. Der Verlust beider Elternteile trifft die kleine Johanna schwer. Gleichwohl: Etwas Gutes hat die staatliche Obhut dann doch. Johanna wird das Schulgeld erlassen und damit der Besuch des Gymnasiums ermöglicht, wo sie durch ihre analytischen Fähigkeiten erstmals auf sich aufmerksam macht.

Als Johanna Budwig 16 Jahre alt wird, beginnt Deutschland sich gerade von den Folgen des Ersten Weltkrieges zu erholen. Forschung und Wissenschaft kommen während der Weimarer Republik zu neuen Ehren. Jeder dritte Nobelpreis geht in dieser Zeit an Forscher aus Deutschland. Von diesen Vorbildern beflügelt und mit einem ausgezeichneten Abitur ausgestattet, entscheidet sich das junge Mädchen 1926, als Jungschwester einer Diakonissenanstalt beizutreten. Denn sie hat erkannt: Um ihrem Ziel, Forscherin und Erfinderin zu werden, näher zu kommen, benötigt sie eine erstklassige Ausbildung.

Das erste Diakonissenhaus der Neuzeit wurde 1836 mit der "Diakonissenanstalt Kaiserswerth" von Pastor Theodor Fliedner in Kaiserswerth gegründet. Seine Frau Friederike Fliedner arbeitete hier als die erste Oberin. Unter ihrer Leitung wird es das damals anerkannteste Diakonissen-Mutterhaus. Und genau für dieses entscheidet sich die junge Johanna. Schnell schafft sie es, auf sich aufmerksam zu machen. Wegen ihrer herausragenden Auffassungsgabe wird sie nach Tätigkeiten in der Krankenpflege, der Erziehung und der Verwaltung, nach nur sieben Monaten zur Diakonisse ernannt.