
Kaiserswerth ist ein Glücksfall in Johannas Leben: Das Mutterhaus verfügt neben einem Krankenhaus, einer Apotheke und dem Internat auch über die Möglichkeiten, der jungen Diakonisse zu einem Studium der Pharmakologie zu verhelfen.
Weitestgehend unberührt von der nationalsozialistischen Politik kann Johanna sich ganz ihrem Studium hingeben. Schon jetzt erkennen ihre Professoren - allen voran der schon damals als "Fett-Papst" etablierte Prof. Dr. Kaufmann - ihr geniales analytisches Denken.
Am 1. September 1939 beginnt Deutschland mit dem Einmarsch in Polen den Zweiten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt hat Johanna Budwig ihr Studium mit Auszeichnung absolviert. Seit dem 1. August ist ihr die Leitung der Apotheke im Mutterhaus von Kaiserswerth übertragen worden. Während Deutschland nach und nach den Rest der Welt in einen wahnsinnigen Krieg verwickelt, bewährt sich die nüchtern denkende und organisatorisch begabte Johanna Budwig beim Ausbau ihrer Apotheke.
Die Kriegsjahre erfordern besondere Maßnahmen: Kaiserswerth beherbergt mehr als 2000 Insassen, für deren Versorgung mit Arzneimitteln Johanna in Zeiten von Bezugsscheinen und Schwarzmarkt zu sorgen hat. Johanna nimmt die Verantwortung an, und setzt sich - immer ihre Aufgabe vor Augen habend - über Regeln der erzkonservativen Diakonissenanstalt hinweg. Dies sorgt im Kriegsjahr 1944 für den ersten wirklich ernsten Eklat in ihrem beruflichen Werdegang. Nachdem sich die Beschwerden häufen, erwägt das Mutterhaus sogar eine Strafversetzung in den Klinikbereich der Diakonissenanstalt. Urplötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, ihre in der Apotheke begonnenen Forschungen nicht mehr fortsetzen zu können, lenkt Johanna Budwig, unter Protest ein und leitet die Apotheke noch bis ins Jahr 1948.
Johanna Budwig war eine unpolitische Frau. Das abgeschiedene Leben in der Diakonissenanstalt hatte sie kaum in Berührung mit den Machthabern des Dritten Reichs gebracht, so dass sie das Entnazifizierungsverfahren durch die Briten unbeanstandet durchläuft. Doch nach 25 Jahren als Diakonisse sucht sie nun neue berufliche Herausforderungen. Am 30. Juli 1949 kehrt die finanziell gut abgefundene und mittlerweile mit einem Doktortitel versehene Johanna Budwig der Diakonissenanstalt Kaiserswerth den Rücken.

Ihr Weg führt direkt zu ihrem neuen wissenschaftlichen Förderer: Prof. Dr. Kaufmann. Er schätzt ihren überragenden Intellekt und stattet sie großzügig mit Gerätschaften aus. Der "Fett-Papst" täuscht sich nicht: 1950 kann Dr. Johanna Budwig als erste Wissenschaftlerin gesicherte Nachweise zur Differenzierung von Fettsäuren in "gesättigte" und "ungesättigte" auf der Fettforscher-Konferenz in München präsentieren.
Der Knoten ist geplatzt. Schon 1951 wird sie zur Obergutachterin für Arzneimittel und Fette am Bundesinstitut für Fettforschung berufen. Gleichzeit beginnt sie mit der Erforschung handelsüblicher Fette. Und hat sich damit - ohne es zu ahnen - mit einer großen Macht angelegt. Denn nach dem Krieg hat das Wirtschaftswunder Deutschland nun zu einem Land gemacht, in dem man sich wieder etwas gönnt. Vorbei ist die Zeit der Rationierung und des Butterersatzes. Viel und fett essen - das ist es, was die Menschen jetzt wollen. Die deutsche Lebensmittelindustrie verzeichnet Rekordumsätze. Keine gute Zeit für eine Forscherin, die im Jahre 1952 Versuchsreihen vorlegen kann, die die Schädlichkeit von Transfetten bestätigen. Dem Aufschrei der jungen aber mächtigen Margarine-Industrie nach empirischer Sicherung ihrer Ergebnisse, tritt sie mit ihren akribisch geführten statistischen Aufzeichnungen entgegen.
Dr. Johanna Budwig hat nun Gegner, deren Einfluss sie noch nicht einmal im Ansatz erahnt. Für sie, die sie durch und durch Wissenschaftlerin ist, ist die Publizierung des doch so Offensichtlichen oberstes Gebot. Bis 1969 meldet sie allein acht Verfahren zur Herstellung von nicht gesundheitsgefährdenden aber dennoch haltbar gemachter Produkte an. Die offensichtlichen Zusammenhänge von Ernährung und Krankheitsverläufen lassen sie von nun an nicht mehr los. Immer tiefer dringt sie in die Materie ein. Für Budwig erschließen sich plötzlich Erkenntnisse, die in andere Disziplinen übergreifen. Zwar ist sie mittlerweile approbierte Apothekerin, diplomierte Chemikerin und hat eine Promotion in Physik. Doch um anerkannt medizinisch wissenschaftlich herleiten zu können, beginnt sie 1956 auch noch ein Medizinstudium.
Schon ein Jahr später kann sie anhand von Tierversuchen unterschiedliche Wirkungen der Omega-3-Fette auf den Organismus belegen. Ihre umfangreiche Ausbildung lässt sie dabei jede Erkenntnis sofort von verschiedensten wissenschaftlichen Seiten betrachten. Das führt dazu, dass sie Ergebnisse in einer Geschwindigkeit erzielt, die ihr den Unglauben und Neid ihres wissenschaftlichen Umfeldes einbringen.
Längst gibt es kein Privatleben mehr für Frau Dr. Johanna Budwig. Mit einer Ausnahme: Ihr Neffe Armin, Waise wie sie selbst, weckt mütterliche Gefühle in der unverheirateten Forscherin. Sie nimmt ihn bei sich auf und sorgt für eine fundierte akademische Ausbildung. Heute ist Dr. Armin Grunewald als praktizierender Arzt und als Verwalter ihres Erbes an der Weiterführung ihrer Fett-Forschung beteiligt.



