Dr. Johanna Budwig - Ihr Leben

Dr. Johanna Budwig (1908 - 2003)

Das turbulente Leben einer vielseitig begabten Persönlichkeit
Johanna Budwig gelang trotz Schicksalsschlägen und widriger Umstände der Sprung zu einer der erfolgreichsten Wissenschaftlerinnen ihrer Zeit. Als diplomierte Chemikerin, approbierte Pharmakologin, promovierte Physikerin, Heilpraktikerin, Erfinderin und Buchautorin machte sie sich verdient um die Erforschung der Fette und deren Wirkung auf den Organismus. So konnte sie mit dem von ihr entwickelten Verfahren der Papierchromatografie erstmals die Existenz mehrfach ungesättigter Fettsäuren nachweisen. Dr. Johanna Budwig, die auf den Spuren des Nobelpreisträgers Otto Warburg forschte, war davon überzeugt, dass schwere Zivilisationskrankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes, Depressionen oder Krebs auf eine gestörte Zellatmung zurückzuführen sind. Ausgelöst durch einen modernen Ernährungsstil mit vorwiegend industriell erzeugter Nahrung.

Geburt

Ein schicksalhafter Start ins Leben
Als Johanna Budwig am 30. September 1908 als Tochter von Elisabeth und Hermann Budwig das Licht der Welt erblickt, geht ein turbulentes Jahr dem Ende entgegen. Noch ahnt niemand im Hause Budwig in Essen an der Ruhr, wie wichtig dieses Jahr für die spätere Entwicklung ihrer Tochter Johanna werden soll. Denn genau in diese Zeit fällt eine wichtige politische Entscheidung: Als letzter Bundesstaat hat Preußen seinen Widerstand gegen das Frauenstudium aufgegeben. Mit Beginn des Wintersemesters 1908/09 sind Frauen auch in Preußen und damit erstmals im gesamten Deutschen Reich zum regulären Studium zugelassen.
Doch obwohl die Gesellschaft sich langsam zu liberalisieren beginnt, üben im alltäglichen Leben der meisten Menschen die alten Werte und Normvorstellungen noch eine enorme Wirkkraft aus. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Frauen haben als Hauptaufgabe die Familie und die Erziehung der Kinder, während der Mann für das wirtschaftliche Auskommen zu sorgen hat.

Doch genau für dieses wirtschaftliche Auskommen kann Johannas Vater - ein einfacher, hart arbeitender Motorenwärter - nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1920 nicht mehr sorgen. Er gibt Johanna in staatliche Hände. Der Verlust beider Elternteile trifft die kleine Johanna schwer. Gleichwohl: Etwas Gutes hat die staatliche Obhut dann doch. Johanna wird das Schulgeld erlassen und damit der Besuch des städtischen Gymnasiums ermöglicht, wo sie durch ihre analytischen Fähigkeiten erstmals auf sich aufmerksam macht.

Die Diakonisse

Der Grundstein wird gelegt
Als Johanna Budwig 16 Jahre alt wird, beginnt Deutschland sich gerade von den Folgen des Ersten Weltkrieges zu erholen. Forschung und Wissenschaft kommen während der Weimarer Republik zu neuen Ehren. Jeder dritte Nobelpreis geht in dieser Zeit an Forscher aus Deutschland. Von diesen Vorbildern beflügelt, entscheidet sich das junge Mädchen 1925 einem Orden in Kaiserswerth als Diakonissenschülerin beizutreten. Denn sie hat erkannt: Um ihrem Ziel, Forscherin und Erfinderin zu werden, näher zu kommen, benötigt sie eine erstklassige Ausbildung.
Das erste Diakonissenhaus der Neuzeit wurde 1836 mit der "Diakonissenanstalt Kaiserswerth" von Pastor Theodor Fliedner in Kaiserswerth gegründet. Seine Frau Friederike Fliedner arbeitete hier als die erste Oberin. Unter ihrer Leitung wird es das damals anerkannteste Diakonissen-Mutterhaus. Und genau für dieses entscheidet sich die junge Johanna. Auch hier schafft sie es, wegen ihrer herausragenden Auffassungsgabe, auf sich aufmerksam zu machen. So wird sie schnell von der Probeschwetser zur Jungschwester ernannt und widmet sich der Krankenpflege der Diakonie. Auf Wunsch des Mutterhauses setzt Johanna ihre Schulbildung fort und besucht von Ostern 1929 bis Februar 1931 das Oberlyzeum in Kaiserswerth, um dort ein herausragendes Abitur abzulegen. Am 30. März 1932 erhält Johanna Budwig die Einsegnung zur Diakonisse.

Die Studentin

Aufbruch in eine akademische Laufbahn - Aus Johanna wird Dr. Johanna Budwig
Kaiserswerth ist ein Glücksfall in Johannas Leben: Das Mutterhaus verfügt neben einem Krankenhaus, einer Apotheke und dem Internat auch über die Möglichkeiten, der jungen Diakonisse zu einem Studium der Pharmakologie zu verhelfen.
Im Oktober 1932 beginnt Johanna Budwig ihre pharmazeutische Grundausbildung in Berlin, unter anderem in die Apotheke der renommierten Charité, um schließlich 1934 in Potsdam die pharmazeutische Vorprüfung mit der Note “sehr gut” abzulegen. Damit ist der Weg endgültig frei für ihr Studium der Pharmazie in Königsberg und Münster, das sie 1936 als Pionierin unter den wenigen weiblichen Studentinnen ihrer Zeit mit dem Staatsexamen in Pharmazie und einem Diplom in Chemie abschließt. Jenes Studium, das schon bald darauf zum Fundament für ihre Forschungsarbeit wird.
Schon jetzt erkennen ihre Professoren - allen voran der schon damals als "Fett-Papst" etablierte Prof. Dr. Kaufmann - ihr geniales analytisches Denken. Von Oktober 1936  bis zum 1. Mai 1938 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Kaufmann am Institut für Pharmazie und chemische Technologie der Uni Münster. Dort bereitet sie auch ihre Dissertation vor. Am 3. Juli 1939 promoviert Johanna Budwig erfolgreich und bekommt den Titel “Doktor der Naturwissenschaften” der Uni Münster verliehen.

Die Apothekerin

Rückkehr nach Kaiserswerth
1940 in den Kriegswirren nach Kaiserswerth zurückbeordert, übernimmt die approbierte Pharmakologin Dr. Johanna Budwig die Leitung der Apotheke im Mutterhaus der Diakonissenanstalt. Während Deutschland nach und nach den Rest der Welt in einen wahnsinnigen Krieg verwickelt, bewährt sich die nüchtern denkende und organisatorisch begabte Dr. Johanna Budwig beim Ausbau ihrer Apotheke.
Die Kriegsjahre erfordern besondere Maßnahmen: Kaiserswerth beherbergt mehr als 2000 Insassen, für deren Versorgung mit Arzneimitteln Dr. Johanna Budwig in Zeiten von Bezugsscheinen und Schwarzmarkt zu sorgen hat. Sie nimmt die Verantwortung an, und setzt sich - immer ihre Aufgabe vor Augen habend - über Regeln der erzkonservativen Diakonissenanstalt hinweg. Dies sorgt im Kriegsjahr 1944 für den ersten wirklich ernsten Eklat in ihrem beruflichen Werdegang. Nachdem sich die Beschwerden häufen, erwägt das Mutterhaus sogar eine Strafversetzung in den Klinikbereich der Diakonissenanstalt. Urplötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, ihre in der Apotheke begonnenen Forschungen nicht mehr fortsetzen zu können, lenkt Dr. Johanna Budwig, unter Protest ein und leitet die Apotheke noch bis ins Jahr 1948.

Die Forscherin

Der Forschergeist ruft
Dr. Johanna Budwig war eine unpolitische Frau. Das abgeschiedene Leben in der Diakonissenanstalt hatte sie kaum in Berührung mit den Machthabern des Dritten Reichs gebracht, so dass sie das Entnazifizierungsverfahren durch die Briten unbeanstandet durchläuft. Doch nach 25 Jahren als Diakonisse sucht sie nun neue berufliche Herausforderungen. Am 30. Juli 1949 kehrt die finanziell gut abgefundene Dr. Johanna Budwig der Diakonissenanstalt Kaiserswerth den Rücken.

Ihr Weg führt direkt zu ihrem neuen wissenschaftlichen Förderer: Prof. Dr. Kaufmann. Er schätzt ihren überragenden Intellekt und stattet sie großzügig mit Gerätschaften aus. Der "Fett-Papst" täuscht sich nicht: im Oktober 1950 kann Dr. Johanna Budwig als erste Wissenschaftlerin gesicherte Nachweise zur Differenzierung von Fettsäuren in "gesättigte" und "ungesättigte" auf der Fettforscher-Konferenz in München präsentieren.

Der Knoten ist geplatzt. Schon 1951 wird sie zur Obergutachterin für Arzneimittel und Fette am Bundesinstitut für Fettforschung berufen. Gleichzeit beginnt sie mit der Erforschung handelsüblicher Fette, und hat sich damit - ohne es zu ahnen - mit einer großen Macht angelegt. Denn nach dem Krieg hat das Wirtschaftswunder Deutschland nun zu einem Land gemacht, in dem man sich wieder etwas gönnt. Vorbei ist die Zeit der Rationierung und des Butterersatzes. Viel und fett essen - das ist es, was die Menschen jetzt wollen. Die deutsche Lebensmittelindustrie verzeichnet Rekordumsätze. Keine gute Zeit für eine Forscherin, die im Jahre 1952 Versuchsreihen vorlegen kann, die die Schädlichkeit von Transfetten bestätigen. Dem Aufschrei der jungen aber mächtigen Margarine-Industrie nach empirischer Sicherung ihrer Ergebnisse, tritt sie mit ihren akribisch geführten statistischen Aufzeichnungen entgegen.
Dr. Johanna Budwig hat nun Gegner, deren Einfluss sie noch nicht einmal im Ansatz erahnt. Für sie, die sie durch und durch Wissenschaftlerin ist, ist die Publizierung des doch so Offensichtlichen oberstes Gebot. Bis 1969 meldet sie allein acht Verfahren zur Herstellung von nicht gesundheitsgefährdenden aber dennoch haltbar gemachter Produkte an.

Die offensichtlichen Zusammenhänge von Ernährung und Krankheitsverläufen lassen sie von nun an nicht mehr los. Immer tiefer dringt sie in die Materie ein. Für Budwig erschließen sich plötzlich Erkenntnisse, die in andere Disziplinen übergreifen. Sie ist zwar approbierte Apothekerin, diplomierte Chemikerin und hat eine Promotion in Physik. Doch um anerkannt medizinisch wissenschaftlich herleiten zu können, beginnt sie 1956 auch noch ein Medizinstudium.
Schon ein Jahr später kann sie anhand von Tierversuchen unterschiedliche Wirkungen der Omega-3-Fette auf den Organismus belegen. Ihre umfangreiche Ausbildung lässt sie dabei jede Erkenntnis sofort von verschiedensten wissenschaftlichen Seiten betrachten. Das führt dazu, dass sie Ergebnisse in einer Geschwindigkeit erzielt, die ihr den Unglauben und Neid ihres wissenschaftlichen Umfeldes einbringen.

“Was wahr ist, soll wahr bleiben”
Doch zurück in die 50er Jahre: Über die Gründe kann man heute nur noch spekulieren. Aber kurz nach den ersten Veröffentlichungen über die schädlichen Folgen von Transfetten lässt sich das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen vertraulich über den Lebensweg von Dr. Johanna Budwig informieren. Auch die Finanzbehörden des Landes nehmen eingehende Überprüfungen der finanziellen Situation vor. Als sich dann auch noch ihr Mentor aufgrund ihrer Kritik an der Margarine-Industrie von ihr abwendet, kann die nun gänzlich ungeschützte Dr. Johanna Budwig ihr Medizinstudium nicht mehr fortsetzen.
Mittlerweile hat sie alle im Laufe der Jahre gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst und macht sich konsequent an die Entwicklung einer Ernährung, die Krankheiten vorbeugen und heilend auf bestehende Leiden wirken soll. Schnell wird ihr deutlich, dass neben der positiven Wirkung von Omega-3-Fetten auf Krankheitsbilder wie Demenz und Depressionen, der Krebs eines ihrer bevorzugten Forschungsfelder werden soll. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung. Um die Wirkweise ihrer so genannten Öl-Eiweiß-Kost zu dokumentieren, fehlt es ihr jedoch Anfang der 60er Jahre an Feldversuchen. Nach einer einjährigen, selbst finanzierten Forschungsreise zu den weltweit führenden Fettforschungsinstituten lässt sich Dr. Johanna Budwig 1962 in Bad Zwischenahn nieder. Dort versucht sie Erholungshäuser der Diakonie zu pachten, um aus ihnen Kliniken für die Öl-Eiweiß-Kost zu machen. Nur so kann sie zu den dringend benötigten Feldstudien am Patienten kommen. Doch aus allen Bereichen der Republik erhält sie Absagen. Aber sie gibt nicht auf.

Die Erfinderin

Erfinderin aus Leidenschaft
Die Forscherin erfüllt sich in den Jahren 1962 bis 1970 ihren zweiten Lebenstraum: Sie wird Erfinderin. Überall in der Welt meldet sie Patente an und versucht, diese zu vermarkten. Fast alle Erfindungen haben indirekt etwas mit der Öl-Eiweiß-Kost zu tun. Es verwundert daher auch nicht, dass nicht ein einziger Hersteller bereit dazu ist, sich auf die Ideen einzulassen. Zu engmaschig ist das Geflecht von Abhängigkeiten zu Großkonzernen und Margarine-Industrie. Dr. Johanna Budwig lässt diese Umstände in ihre vielbeachteten, wissenschaftlichen Bücher einfließen. Das zeigt zwar ihre Verbitterung, förderte aber nicht ihre Glaubwürdigkeit. Immer mehr Zeit nimmt der Kampf gegen die Behörden, insbesondere gegen die Finanzbehörden, im Alltag von Dr. Johanna Budwig ein. Außer ihrem Neffen hat Johanna, die zeitlebens unverheiratet bleibt, niemanden, mit dem sie sich über ihre Situation austauschen kann. Das beklemmende Gefühl, aufgrund ihrer Entdeckungen verfolgt und mit Repressalien überzogen zu werden, wird zu einer zentralen Idee in der Gedankenwelt der Wissenschaftlerin.

Die Heilpraktikerin

Neue Wege als Heilpraktikerin
Um endlich den benötigten Zugang zu Patienten zu erhalten, absolviert Dr. Johanna Budwig 1966 ihre Prüfung zur Heilpraktikerin. Endlich kann sie in den nächsten 20 Jahren die Öl-Eiweiß-Kost mit Patienten aus der ganzen Welt umsetzten. Und glaubt man den Dankesschreiben, mit beachtlichen Erfolgen.
Anders sehen das die Wissenschaftler. Und da ihr mittlerweile der Zugang zu Forschung und Lehre verwehrt wird, zeichnet Dr. Johanna Budwig ihre Erfolge in den verschiedenen Anwendungsgebieten auf und veröffentlicht in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Büchern. Doch wie zum Trotz gegen ihre Kritiker geht sie dabei nicht den naheliegenden Weg des wissenschaftlichen Nachweises ihrer Thesen über die positive Wirkung der Öl-Eiweiß-Kost auf Demenz, Depressionen oder Schwangerschaften. Stattdessen wendet sie sich dem aus ihrer Sicht wichtigeren Thema Krebs zu.

Die anekdotischen Berichte über erstaunliche Erfolge in der Krebsbehandlung mehren sich, doch die fehlenden wissenschaftlichen Nachweise machen Dr. Johanna Budwig in der Öffentlichkeit zu einer leichten Beute für ihre Kritiker. Trotzdem wird sie 1979 sieben Mal für den Nobelpreis der Medizin nominiert. Unermüdlich reist die in die Jahre gekommene Wissenschaftlerin auf Einladung durch die Welt und hält Vorträge vor Fachpublikum. Ihre Bücher werden auch in andere Sprachen übersetzt und allein in Nordamerika eine viertel Million Mal verkauft. Gleichzeitig forscht sie aus eigenen Mitteln weiter in den verschiedensten Gebieten. Noch 1982 reicht sie ein Patent ein, das die Benutzung von Rubinlasern in Kernkraftwerken vorsieht, um die Aufnahmefähigkeit des Kühlwassers für Radioaktivität zu erhöhen.

Dr. Johanna Budwig erlebt nicht mehr, wie ihre Theorien über die Wirkweise der Öl- Eiweiß-Kost und der Omega-3-Fette mit Hilfe moderner Wissenschaft bestätigt werden. Im Alter von 95 Jahren stirbt sie 2003 an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.


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